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FPM-Kommentar Reducing the Noise von Martin Wirth: 1/2024 vom 22.01.2024

 

Der Grundsatz "Die Hausse nährt die Hausse und umgekehrt" greift zu kurz. Eine differenzierte Betrachtung

 

  • Zweigeteilte Entwicklung an den Aktienmärkten
  • Schlechte Politik kostet Wachstum, beeinträchtigt die Stimmung und bestimmt damit kurzfristig die Rendite an Aktienmärkten
  • Bewertung in der Breite hat sich in den letzten zehn Jahren fast halbiert
  • Deutsche Investoren lassen sich vom Ausland die Butter vom Brot nehmen
  • Auf Basis der Bewertungen müssten sich sehr solide Renditen ergeben

 

Das Jahr 2023 verzeichnete vordergründig auf Indexebene deutliche Gewinne. Allerdings gibt das Gesamtbild die Entwicklung nur unzureichend wieder. Nach einem breit angelegten Aufschwung in der ersten Hälfte des Jahres konzentrierten sich die Kursgewinne im zweiten Halbjahr im Wesentlichen auf die sehr großen Titel, während der breitere Markt stagnierte oder sogar deutliche Kursverluste verzeichnete. Dies galt auch für Titel, die keineswegs in ihrer Entwicklung enttäuschten, bei negativen Überraschungen hingegen waren die Kursverluste teils drastisch. Was wieder einmal neue Chancen kreiert hat. Gegen Ende des Jahres fanden Portfoliobereinigungen statt, die in unseren Augen deutlich über das Ziel hinausgeschossen sind. In Summe verzeichneten die Indizes der hochkapitalisierten Werte deutlich überproportionale Gewinne.     

Zweigeteilte Entwicklung an den Aktienmärkten

Was führte zu dieser zweigeteilten Entwicklung, und wie soll man damit umgehen?

Zunächst einmal enttäuschte die Konjunktur. Dies galt insbesondere für Deutschland. Die im zweiten Halbjahr erwartete Erholung blieb aus. Das wirkte sich zum einen auf die Erträge der Unternehmen, in einem viel größeren Umfang jedoch auf das Sentiment gegenüber deutschen Aktien allgemein und kleinen und mittleren Titeln insbesondere aus. Und das Problem hat einen Namen, auch wenn politische Börsen eigentlich kurze Beine haben sollten: Die Bundesregierung, die diesbezüglich zu den Regierungen anderer europäischer Staaten mindestens aufgeschlossen hat.

Schlechte Politik kostet Wachstum…

Sie verfolgt ungetrübt von fachlicher Kompetenz ihre ideologiegetriebenen Projekte, setzt (leider unabsichtlich) die De-Growth-Phantasien in die Realität um, und wundert sich über den fehlenden Zuspruch des Wählers und dessen Abwandern zu anderen Parteien.

Die Verwaltung blüht, die Bürokratie ebenfalls, woran keineswegs nur die aktuelle Regierung schuld ist, und einer der wenigen Sektoren, die in Deutschland konstant Personal aufbaut ist der Staat selbst. Leider geschieht dies nicht in den bürgernahen Bereichen, vielmehr in den Verwaltungen der öffentlichen Verwaltung. Dort denkt man sich dann offensichtlich aus, wie man das Leben noch etwas komplizierter gestalten könnte.

Mitten in der Energiekrise die letzten Kernkraftwerke abzuschalten war offensichtlich aus volkswirtschaftlicher Sicht ebenfalls keine Meisterleistung. Vor allem, wenn man sich dann noch über die durchwachsene Verfügbarkeit französischer Atomkraftwerke beschwert. Kein Wunder, dass diverse energieintensive Betriebe sich an andere Standorte umorientiert haben und nicht auf eventuelle tiefere und vor allem eine sichere Energieversorgung zum Ende der Dekade warten wollen. Und im Gegensatz zu dem, was die Regierung verbreitet: Wohlstand wird nicht in erster Linie in der Pflege und durch die öffentliche Verwaltung erarbeitet, sondern in der Industrie. Und wenn diese verschwindet, gibt es eben weniger zu verteilen.

Erfolgreich waren auch die Maßnahmen zur Beseitigung der Wohnungsnot, zumindest für Besitzer heruntergewirtschafteter Immobilien, die vorerst auf dem Vermietungsmarkt keine neue Konkurrenz fürchten müssen: Zunächst wird so ziemlich jede Maßnahme diskutiert und teilweise umgesetzt, die potentielle Investoren abschrecken kann, von Mietpreisbremse, Kündigungsschutz, der Beteiligung der Mieter an der CO2-Umlage, Auflagen noch und nöcher, garniert mit steigenden Zinsen, und dann wundert man sich, warum der Neubau einbricht. Da der Staat ja gerne auch Vermieter spielen will, kauft er sich gelegentlich eine Immobilie, die dann aufgrund von Geldmangel doch eher verrottet als saniert wird, wie in Frankfurt zu bestaunen ist.

Als Begründung für die schwache Entwicklung findet der Staat auch immer jemanden der Schuld ist: Im letzten Jahr die schwache internationale Wirtschaft, unter der die exportlastige deutsche Wirtschaft gelitten habe. Z.B. durch das schwache Wachstum in China, immerhin nur noch 5 %. Ach so. Und daher ist die Regierung natürlich auch weiter der Ansicht, dass die beschlossene Politik gut ist, nur unter der schlechten Kommunikation leidet. Auf deutsch: Die Leute sind leider etwas dumm, man muss es ihnen besser erklären, dann verstehen sie endlich die höhere Weisheit dahinter.

All das ist ja ganz unterhaltsam, wenn man nicht selbst betroffen ist, aber es hat eben auch Auswirkungen auf die Realwirtschaft. Und dürfte der Hauptgrund sein, warum Deutschland am Tabellenende im Hinblick auf das Wachstum des letzten Jahres gelegen hat. ABER: Man kann auch sehen, dass eine Regierungspolitik, solange sie sich irgendwo in den normalen, westlichen und freiheitlichen Bahnen bewegt, einen sichtbaren, aber begrenzten Einfluss auf die Wirtschaft hat. Unterstellt man, dass das Regierungshandeln hoch geschätzt 1 % des Volkseinkommens gekostet hat, liegt der Schaden bei 40 Mrd. €. Das ist viel Geld, aber rechtfertigt nicht ansatzweise die Wahrnehmung, dass die deutsche Wirtschaft in einer tiefen und nicht heilbaren Krise gefangen ist. Eine Schrumpfung des Einkommens, wenn man nicht wie Teil der Regierung Wachstum grundsätzlich als nicht wünschenswert ansieht (auch wenn man dann gleichzeitig selbst immer höhere Ansprüche an den Staat und die Allgemeinheit formuliert), ist nicht schön. Aber nicht das Ende der Welt: Deutschland hat 2023 ein höheres Einkommen erwirtschaftet als in jedem Jahr der Geschichte, mit Ausnahme eben von 2022. Selbst wenn die deutsche und die europäische Volkswirtschaft seit Jahren und dank Bürokratie, konstant steigenden Steuern und Abgaben und immer mehr Vorschriften eine ziemlich blutarme Veranstaltung geworden ist: Es wird in jedem Jahr immer noch ein substantielles Volkseinkommen erwirtschaftet und verteilt, und an der Verteilung kann man unter anderem dank Aktieninvestments erfreulicherweise auch teilnehmen. Zudem ist eine weitere Verschlechterung der Regierungspolitik nicht zu erwarten, da wurde schon einiges ausgeschöpft. Und eine Radikalisierung ist ebenfalls nicht zu befürchten, das ist einer der Vorzüge des Bundeskanzlers. Insofern ist das Risiko diesbezüglich sehr limitiert. Wenn man die Fallhöhe beurteilen will: Anfang 2022, wohlgemerkt nach dem Beginn des russischen Überfalls auf die Ukraine, erwartete der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung noch ein Wachstum für 2023 von 3,6 %!! Das Ergebnis, nach einer richtigen Schätzung für 2022, weicht bemerkenswerte 4 %-Punkte von der Schätzung ab. Und das kann man in der Entwicklung der konjunktursensibleren Branchen am Aktienmarkt seit damals ablesen. Was wiederum bedeutet, dass die Erwartungen nach unten hin ziemlich belastbar sein dürften. Was zudem in der verkürzten Betrachtung „schwache deutsche Konjunktur = schlechte Aussichten für Unternehmen“ nicht beachtet wird, ist, dass die börsennotierten Gesellschaften oft global aufgestellt sind.

…und beeinträchtigt die Stimmung, was kurzfristig die entscheidende Komponente für die Rendite an den Aktienmärkten ist

Allerdings hat die bescheidene Erfolgsbilanz der deutschen Regierung wie auch der europäischen Verwaltung einen auf kurze Sicht für die Investoren viel höheren Preis als das schwache Wachstum: Durch die verschlechterte Stimmung haben sich die Bewertungen für verschiedene Marktsegmente in den letzten Jahren deutlich nach unten verschoben und befinden sich teilweise auf Tiefstständen, was vor dem Hintergrund weiterhin bescheidener Anlagealternativen im Rentenbereich umso erstaunlicher ist. Das steht im Gegensatz zur allgemeinen Wahrnehmung, dass Aktien teuer seien. Nur: Wenn Apple mehr wert sein soll als der gesamte deutsche Aktienmarkt, was ja sein kann und worüber hier nicht diskutiert werden muss, bedeutet die hohe Bewertung von Apple bei gleichzeitig hoher Indexgewichtung noch lange nicht, dass der ganze US-Markt und schon gar nicht der deutsche Aktienmarkt teuer sein müssen.

Ein guter Teil dieser Abwertung dürfte also auf die Wahrnehmung eines äußerst bescheidenen Zustands der deutschen Wirtschaft zurückzuführen sein. Dies ist nicht nur übertrieben, auch wenn die Sklerose in Deutschland wie auch in Europa insgesamt seit vielen Jahren anhält, es betrifft auch in erster Linie viele Unternehmen, die auf den deutschen Markt allein angewiesen sind. Börsennotierte Unternehmen sind in der Regel international, oft global aufgestellt, insofern hat der Sitz des Unternehmens nicht den entscheidenden Einfluss auf den Erfolg einer Gesellschaft. Genau dies wird aber an den Börsen implizit unterstellt, wenn man sich einmal die Bewertungsdiskrepanzen von deutschen und amerikanischen Unternehmen mit vergleichbaren Produkten und Geschäfts-modellen sowie einer ähnlichen regionalen Aufstellung anschaut.

Bewertung in der Breite hat sich in den letzten zehn Jahren fast halbiert

Insbesondere hat sich dies in der Bewertung bei kleineren und mittleren Unternehmen niedergeschlagen. Es gab über längere Zeiträume, aufgrund der genannten Rahmenbedingungen, ein äußerst geringes Investoreninteresse, gleichzeitig Abgabedruck. In passiven Produkten sind diese Unternehmen ebenfalls unterproportional vertreten, und da immer mehr Kapital in passiven Produkten investiert ist und aus aktiven Produkten abfließt, werden eben auch die Unternehmen, die nicht in der ersten Reihe stehen unabhängig von ihrer tatsächlichen Werthaltigkeit verkauft. Gleichzeitig verlief das Geschäft der Unternehmen trotz der Rezession in Deutschland weitgehend stabil, teilweise zäh, teilweise aber auch sehr gut. Insofern sehen wir Bewertungen, die oft jenseits von Gut und Böse sind und eine ziemlich traurige Zukunft unterstellen. Schaut man allein auf die Aktienkursentwicklung, sieht man den Bewertungsverfall seit fast zehn Jahren nicht unmittelbar. Dies liegt an den steigenden Gewinnen, die die meisten Unternehmen in dieser Zeit erzielt haben. Gleichzeitig ist die Substanz der Unternehmen seit damals durch die einbehaltenen Gewinne regelmäßig deutlich gestiegen. Auf der heutigen Basis sind in Zukunft bei halbwegs stabilen Rahmenbedingungen zweistellige Renditen theoretisch fast die zwingende Konsequenz. Man sollte sich zudem vor Augen führen, dass die heutigen Ergebnisse durch die immer noch nachwirkenden Coronafolgen sowie den Verwerfungen in Folge des Überfalls von Russland auf die Ukraine beeinträchtigt werden, von den nach oben geschossenen Zinsen ganz zu schweigen.

Die Bewertungskompression hat verschiedene Ursachen

Was waren die Ursachen dafür, dass deutsche (und andere europäische) Aktien derart vernachlässigt wurden? Da können wir nur Vermutungen anstellen.

Am einfachsten ist natürlich, abgesehen von der dürftigen politischen Performance in Europa, bei stabil hohem Erklärungswert, die Aussage, dass die Hausse die Hausse nährt und umgekehrt. Apple und auch die anderen amerikanischen Technologieriesen sind mehr wert als der ganze deutsche Aktienmarkt, warum soll man sich da noch die Mühe machen, ins Detail zu gehen. Unabhängig von der Bewertung, zugegeben, aber die spielt in vielen Anlagestrategien zurzeit nur eine untergeordnete Rolle.

Daneben sind die Wachstumsperspektiven, global gesehen, eher schwächer geworden: Demographie, eine reifere Volkswirtschaft in China, mehr Regulierung, Begrenzung durch die Knappheiten natürlicher Ressourcen, beginnend beim CO2-Thema.

Die ausufernde und teilweise unsinnige Regulierung dürfte eine wichtige Rolle spielen

Dann die ausufernde Regulierung: Sie betrifft auch viele Investoren in ihrem eigenen Metier, vorneweg im Risikomanagement, was oft bedeutet, dass Anlagen in erster Hinsicht mit dem Blick auf ihre Volatilität und Liquidität, aber nicht mehr auf der Basis der erwarteten Profitabilität beurteilt werden, sprich: Die Bewertung eines Assets spielt nicht mehr die dominierende Rolle, wenn sie denn überhaupt noch eine Rolle spielt. (Siehe die Bereitschaft, vor gar nicht langer Zeit Staatsanleihen mit einer Laufzeit von hundert Jahren mit einer Rendite von praktisch Null zu kaufen, wohlgemerkt, unter den Augen der Aufsicht.) Und mit der Vernachlässigung der Bewertung schwindet auch die Bedeutung der Kernparameter eines Assets an sich, dreht es sich doch hierbei um die Beurteilung der Erfolgsaussichten, der Qualität und der Nachhaltigkeit eines Geschäftsmodells. Die meisten Unternehmen sind nicht gegründet worden mit dem wesentlichen Ziel, schwankungsarme Erträge zu erzielen und Investoren jederzeit in einem großen Umfang den Einstieg in und Ausstieg aus dem Gesellschafterkreis zu ermöglichen. Da sind wir ganz bei Milton Friedman: The business of business is doing business. Und dabei profitabel zu sein. Die anderen Parameter Liquidität und Schwankungsarmut werden jedoch durch den Bondmarkt deutlich besser bedient. Was dann wiederum erklärt, dass mit den veränderten Präferenzen in diesem Segment des Kapitalmarktes erhebliche Zuflüsse zu verzeichnen sind, und bei Aktien generell nicht viel los ist. Und wenn, dann eben bei den großen Titeln. Die Jagd nach schwankungsarmen Investments in einer unsicheren und instabilen Welt mit unternehmens-ähnlichen Renditen: Dieser Gegensatz bietet Arbitragechancen für Spezialisten wie Bernie Madoff.

Deutsche Investoren lassen sich vom Ausland die Butter vom Brot nehmen und präferieren das Sparbuch

Wenn man sich dann vor Augen führt, wie der Aktienmarkt in der Öffentlichkeit in Deutschland gesehen wird, kann man ein weiteres Problem erkennen. Die Aktienrente, die sich die aktuelle Regierung einmal vorgenommen hat einzuführen, wird angesichts der Haushaltsnöte gestrichen, nachdem sie zuvor als Zockerei aus vielen Ecken verunglimpft wurde. Der Bundeskanzler ist stolz darauf, dass sein Erspartes auf dem Sparbuch real vor sich hin schrumpft. Dass die Familie Quandt jedes Jahr aus ihren BMW-Aktien Dividenden im Milliardenbereich kassiert, wird als Sauerei und ähnliches betrachtet, anstatt dass die Kritiker auf die Idee zu kommen, selbst ein paar BMW-Aktien zu kaufen und mitzukassieren. In den USA gibt es seit Jahrzehnten 401 K Pläne, die der Aktienrente im Großen und Ganzen entsprechen, daneben Pensionskassen, die zu den größten Investoren der Welt gehören. U.a. für Feuerwehrleute und Lehrer, während hier viele Lehrer wahrscheinlich entsetzt wären, Teil der Zockereimaschinerie zu werden. Die größten deutschen Unternehmen, solange es keinen Familienhintergrund gibt, gehören mehrheitlich ausländischen Investoren, mit Quoten bis in den Bereich jenseits der 80 %- Marke. Das müsste man sich einmal in den USA vorstellen. 

Auch die professionellen Marktteilnehmer glänzen in ihrer Einstellung zu den von ihnen beobachteten Unternehmen. Wurde beim Börsengang noch alles in rosa gemalt, ist nach Kursverlusten von 50 bis 90 % auf einmal die Perspektive eher düster. Bei etablierten Unternehmen ist die Lage gespalten. Es gibt Unternehmen, die von den Verwerfungen der letzten Jahre profitiert haben, die nun unter der Kehrseite leiden. Die Unternehmen, die dagegen gelitten haben, profitieren von Aufholeffekten. Im Internet tätige Unternehmen konnten relativ einfach neue Kunden gewinnen, die heute ihr Geld wieder anders ausgeben können. Chemie- und Grundstoffunternehmen profitierten von Knappheiten und eingeschränkten Lieferketten und konnten so hohe Preise durchsetzen, heute wieder leiden sie unter dem Wegfall der vorgezogenen Nachfrage, gestiegenen Zinsen sowie dem Vorratsabbau quer durch die Wertschöpfungskette. Gleiches gilt bspw. für Baumärkte, nachdem „Home Improvement“ eine der Tätigkeiten war, die während der Coronazeit nicht verboten war. Von der laufenden Normalisierung profitieren hingegen Unternehmen wie Lufthansa oder TUI, aber auch Autohersteller, nachdem die aufgestaute Nachfrage seit mehr als einem Jahr weiterhin gute Preise garantiert hat. Jetzt könnte man unterstellen, dass die aktuelle Lage sich wieder einpendeln wird. Das ist aber nicht der Fall: Während bei den Unternehmen, die unter der Normalisierung leiden, unterstellt wird, dass eine Verbesserung kaum stattfinden wird, wird genau das bei den aktuellen Gewinnern als fast sicher unterstellt. Anders lassen sich die gegenwärtigen Bewertungen nicht erklären. Insofern also auch keine Unterstützung von der Seite der Kapitalmarktteilnehmer.

Private Equity Fonds zaubern Volatilität weg und brauchen daher keine Liquidität

Reine Magie sind hingegen Private Equity Fonds: Hier wird die Volatilität von Investments weggezaubert, indem man die Anschaffungspreise fortschreibt, solange die Rahmenbedingungen sich nicht substanziell verändert haben. Damit besteht dann auch kein Bedarf mehr für Liquidität, denn etwas, was nicht schwankt, braucht man ja in Panik auch nicht zu verkaufen. Dass gleichzeitig die Risiken dank massiver Verschuldungsaufnahme der Unternehmen, in die „investiert“ wird, eigentlich deutlich steigen, interessiert auch niemanden. Und da zumindest halbwegs erfolgreiche Unternehmen die Eigenschaft haben, über die Jahre zu verdienen, wird sich die aufgeladene Verschuldung regelmäßig auch auszahlen. Insofern sind diese Vehikel auch in der Lage, Preise für Unternehmen zu bezahlen, die deutlich über dem Level liegen, der am Aktienmarkt üblich ist. Und gleichzeitig muss sich niemand über die Gebühren ärgern, die deutlich über allem liegen, was bei Aktienfonds so üblich ist. Insofern ist es kein Wunder, dass diese Anlageklasse in den letzten Jahren immer beliebter wurde, auch wenn durch den Zinsanstieg auch hier mancher Fonds durchgerüttelt worden sein dürften.

Somit sind die Bewertungsunterschiede zwischen den Assetklassen in den letzten Jahren massiv gewachsen. Während früher einmal üblich war, dass Aktien mit Risikoprämien von 3 bis 4 % gegenüber Staatsanleihen bewertet waren, ist dies schon lange nicht mehr der Fall, wenn man einmal von den Schwergewichten mit einem erstklassigen Geschäftsmodell absieht. Heute liegen diese eher im Bereich von 7 bis über 10 %, ohne dass darin in irgendeiner Form der Inflationsschutz berücksichtigt wäre.

Das führt zu den bemerkenswerten Diskrepanzen, die überall zu beobachten sind. Im Folgenden nur ein paar Beispiele, die nicht notwendigerweise auch in unseren Fonds vertreten sein müssen, sonst könnte man uns ja ein Bias unterstellen.

Substanzielle Unterschiede bei der Bewertung identischer Assets in Abhängigkeit von der Eigentümerschaft

 Und an alle die, die mit der gegenwärtigen Politik in Deutschland nicht einverstanden sind (nach Umfragen zwei Drittel der Bevölkerung und vielleicht auch einige Leser): Beim Chemieunternehmen Lanxess wird unterstellt, dass das im Jahr 2022 gegründete Joint Venture mit einem Private Equity Unternehmen aufgrund der dort üblichen Verschuldung eigentlich pleite ist, die katastrophale Profitabilität des Chemiegeschäfts dank einer rekordniedrigen Auslastung in den nächsten Jahren nicht besser wird und daher eine Kapitalerhöhung erforderlich ist, die höher als der aktuelle Marktwert ist. Fraglich, ob die Private Equity Gesellschaft den Wert ihrer Beteiligung an dem Joint Venture ebenfalls auf Null abgeschrieben hat, wie der Markt es bei Lanxess getan hat.

HelloFresh, ein global tätiger und in den letzten Jahren überaus erfolgreicher und mit ausgeklügeltem Geschäftsmodell agierender internetbasierter Lebensmittelproduzent und -händler, wird bewertet zum 4,5-fachen des letztjährigen EBITDA, das sind ca. 2 Mrd €. Vor zwei Jahren wurde der Lebensmittelauslieferer Gorillas, bekannt durch schwarz gekleidete Radler in einzelnen deutschen Großstädten, in einer Private Equity Finanzierung mit mindestens 3 Mrd. € bewertet, ohne dass in diesem Geschäftsmodell irgendeine Besonderheit erkennbar war. Das Unternehmen ist mittlerweile offensichtlich pleite.

Die Software AG wurde im vergangenen Jahr durch einen amerikanischen Finanzinvestor übernommen. Das Angebot lag um mehr als 50 % über dem vorherigen Aktienkurs. Sechs Monate später verkauft der Investor einen Geschäftsbereich (man kann unterschiedlich rechnen, aber es ist grob geschätzt 50 % des Konzerns) und erhält dafür bereits fast seinen gesamten Kaufpreis zurück. Der, wie gesagt, 50 % über dem vorherigen Börsenkurs lag.

Der Free Float von Telefonica Deutschland wird von der spanischen Mutter zurückgekauft, zu 50 % des Preises des Börsengangs vor gut zehn Jahren. Dank umfänglicher, aber aus den Free Cashflow mehr als gedeckten Dividenden kam der Altanleger ohne Verlust aus dem Investment. Telefonica dagegen kann sich über einen Free-Cash-Flow-Yield von aktuell 15 bis 20 % freuen. Die Verkäufer können ihr Geld jetzt in Bundesanleihen zu knapp 2 % anlegen, was neuerdings als attraktiv angesehen wird.

Es gibt weitere Beispiele, und vermutlich im nächsten Jahr noch mehr als heute.

Was dies ändern wird ist offen, aber letzten Endes auch irrelevant: Auf Basis der Bewertung müssten sich sehr solide Renditen ergeben

So weit, so schlecht. Bleibt die Frage, warum sich die Lage nun ändern sollte und was erforderlich ist, um eine Trendwende beim Investoreninteresse auszulösen. Da kann man als Antwort nur geben, dass man dies meistens erst hinterher weiß. Bewertung allein reicht nicht aus, allerdings ist die Bewertung langfristig zwangsläufig der entscheidende Faktor. Mit dem entsprechenden Horizont, also von mehr als zwei Monaten, kann man mit einer substanziellen Sicherheitsmarge investieren. Und bereits heute gibt es offensichtlich zwei Gruppen von Nachfragern, die sich diese Chance zu Nutze machen. Das sind die Unternehmen selbst über ihre Aktienrückkäufe, und zum anderen Finanzinvestoren.

Nach langer Zeit ablehnender Haltung zu Aktienrückkäufen generell kommen immer mehr Unternehmen zum Ergebnis, dass ihre eigenen Aktien unterbewertet sind, quer durch den Markt. Äußerst erfreulich ist, dass der Anlass für diese Rückkäufe die niedrige Bewertung ist und nicht wie in den USA eine ausreichende Liquidität, unabhängig von der Bewertung; oder, noch schlimmer, der Druck, die Verwässerung durch ausgegebene Aktienoptionen zu kompensieren, nachdem deren Wert bei der Berechnung des Gewinns regelmäßig nicht berücksichtigt wird. Oft ist ein Hindernis bei kleineren Unternehmen, dass gar nicht genügend Aktien an der Börse gehandelt werden, um die Programme zügig durchzuführen. Bei größeren Unternehmen sieht das anders aus, und dort geht es auch zügig voran. Das Rückkaufsvolumen dürfte in Summe an den zweistelligen Milliardenbereich heranreichen. Und jede zurückgekaufte Aktie vergrößert den Anteil der verbleibenden Aktionäre, zu einem zurzeit ziemlich günstigen Preis.

Und eben die erwähnten Finanzinvestoren. Diese sehen wir auf dem heutigen Level eher als eine Gefahr als eine Chance. Denn anders als früher, als sie operativ einiges verbessern mussten, um ihre Zielrenditen zu erreichen, ist heute triviales Financial Engineering ausreichend, um substanzielle Gewinne zu erzielen, siehe das Beispiel der Software AG. Insofern besteht die Gefahr, dass man als Aktieninvestor selbst mit auf den ersten Blick erfreulichen Bewertungsaufschlägen über den Tisch gezogen wird, wenn die Mehrheit der Aktionäre auf das Angebot des Investors eingeht. Klar, immer noch besser als Geld verlieren, aber nach einer langen Durststrecke dennoch nichts, was man sich wünscht, anders als ein aggressives Vorgehen bei Aktienrückkäufen.

Was gibt es im Angebot unserer Fonds, und was kann man hier erwarten? Wenn alles einmal wieder halbwegs normal laufen würde? Dargestellt an einigen Positionen des All Cap Funds:

Einen Dienstleister, der Kosten-, Qualitäts- und Markenführer in seiner Industrie ist, mit einem mindestens mittleren bis hohen einstelligen prozentualen Wachstum und einem KGV von 10, mit geringen erforderlichen Investitionen und dementsprechend hoher Ausschüttungsfähigkeit.

Einen Rohstoffkonzern, dessen neuer Standort zu den Kostenführern in der Industrie gehört und dessen Investitionskosten heute höher wären als die Bewertung des gesamten Konzerns, wobei der neue Standort nur ein Viertel des Outputs ausmacht.

Einen Rüstungskonzern, dessen Auftragsbestand den Umsatz des laufenden Jahres um das 5-fache übersteigt und mit steigenden Margen einhergeht und der auf der Basis der eingehenden Aufträge trotz hoher Visibilitat mit einem einstelligen KGV bewertet ist.

Zwei Banken, die in den nächsten zwei bis drei Jahren ca. 30 % ihres Börsenwertes ausschütten werden, erfreulicherweise in großem Teil in Form des Aktienrückkaufs zum (heute) halben Buchwert, was selbigen automatisch weiter steigen lassen wird, und die gleichzeitig die Substanz stärken sollten.

Industrieunternehmen, deren Gewinne zu 50 % aus wiederkehrenden Dienstleistungen und Ersatzteilen stammen und die dennoch, bei einer jeweils soliden Bilanz, nur mit einem KGV von 5 bis 6 bewertet sind.

Wir sehen darüber hinaus auch genug Chancen in anderen Werten, in denen wir zurzeit nicht investiert sind. Dies stellt eine zusätzliche Sicherheit dar, dass diese Bewertungsniveaus ein breit angelegtes Phänomen sind und wir hoffentlich nicht in die einzelnen Fallen getreten sind, die preiswert aussehen, aber ein substanzielles, tiefer liegendes Problem aufweisen. Auf dieser Basis sind wir sehr zuversichtlich, dass die kommenden Jahre durchaus erfreulicher werden sollten als die letzten. Die Bewertungen haben Grenzen nach unten, und wenn sie gesetzt werden durch Investoren, die dann eben gleich das ganze Unternehmen kaufen. Und die laufenden Erträge erfordern kein, noch nicht einmal ein nominelles Wachstum, um die Kurse zu rechtfertigen. Und nominelles Wachstum dürfte allein aus Sicht der höheren Inflationsraten sehr wahrscheinlich sein.

Ihr Martin Wirth

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FPM-Kommentar Reducing the Noise von Martin Wirth: 4/2023 vom 18.10.2023

 

Eine Rezession ist nicht das Ende der Welt, sondern der normale Gang der Dinge

 

  • Die Grenzen volkswirtschaftlicher Betrachtungen beim Investieren
  • Rezessionen sind in der Regel gute Kaufgelegenheiten für Aktien
  • Unterschiedlich ausgeprägte Resilienz gegen steigende Zinsen
  • Indizien für günstige Bewertungen am Aktienmarkt und Rückkehr zu „Business as usual“
  • Unsere Art von Optimismus oder: Geben Sie beim Investieren nicht so viel auf das politische Umfeld

 

Die seit einem Jahr in Deutschland schwelende Rezession, die im verarbeitenden Gewerbe begonnen hat, ist nun offensichtlich geworden, ohne jedoch an Schärfe zugelegt zu haben. In der EU sieht es nicht wesentlich besser aus. In den USA und anderen Regionen der Welt ist die Konjunktur ebenfalls nicht besonders solide, aber eben auch nicht in einer Rezession.

Ursache sind das Abebben staatlicher Transferleistungen nach der Pandemie sowie die deutlich gestiegenen Zinsen, mit denen die dank der zuvor gestiegenen Transferleistungen sowie ebenfalls durch den Krieg in der Ukraine erhöhten Inflationsraten bekämpft werden. Für manche Volkswirte, die der Modern Monetary Theory folgen, war überraschend, dass durch Gelddrucken und steigende Staatsverschuldung kein Wohlstand geschaffen wird. Im linken politischen Lager (jenseits der SPD-Mitte, zur Klarstellung) offensichtlich ebenfalls, wo Geld zu drucken und zu verteilen bekanntermaßen eine Kernkompetenz ist. In Deutschland kam hinzu, dass im Hauruckverfahren weitere ökonomische Gesetze außer Kraft gesetzt werden sollten, das Resultat kann man nun bestaunen (oder auch nicht, denn überraschend ist es nicht).

Die Grenzen volkswirtschaftlicher Betrachtungen beim Investieren

Nur um klarzustellen: Die volkswirtschaftlichen Aspekte sind nicht der Kern unseres Investmentprozesses. Wir bewerten schlicht damit das Umfeld und versuchen, wie auch auf der Aktienebene, Divergenzen zwischen Fakten und Meinungen festzustellen. Meinungen oder die Wahrnehmung von Fakten beeinflussen natürlich das Sentiment und die Bereitschaft zu investieren und erklären somit einen großen Teil der Bewertungsschwankungen im Gesamtmarkt. Aber jedes Unternehmen hat einen eigenen Investment-Case, der oft gar nichts mit dem volkswirtschaftlichen Umfeld zu tun hat, dessen Bewertung aber davon beeinflusst wird. Insofern ist ein Verständnis der Rahmenbedingungen absolut essenziell, um ein Investment und dessen Bewertung angemessen einschätzen zu können. Beispielhaft seien hier die Immobilienaktien genannt, die durch die Nullzinsen getrieben waren und die mit der Normalisierung der Zinslandschaft eine desaströse Entwicklung genommen haben. Wenn auch nicht ganz so schlimm wie die langlaufenden Anleihen, schließlich ist man auch hier in realen Gütern investiert, die einerseits immer Mieteinnahmen verzeichnen konnten und deren Nominalwerte im Lauf der Zeit unzweifelhaft gestiegen sind, anders als die der Anleihen.

Zudem helfen die Einschätzungen des Umfelds, ein Portfolio aufzubauen, in dem unkorrelierte oder negativ korrelierte Risiken berücksichtigt werden, was insbesondere erfreulich ist, wenn die daraus resultierende Diversifikation preiswert erhältlich ist. Sie bringt natürlich nichts (zumindest deutlich weniger), wenn man sie zu teuer kauft. Als Beispiele: Banken profitieren von steigenden Zinsen, die meisten Aktien dagegen nicht. Gleiches gilt für rohstoffnahe Unternehmen hinsichtlich der Inflation, oder Rüstungsunternehmen zum Ausgleich gegen globale Krisen. Diese Diversifikation ist nicht der Hauptgrund eines Investments, kann aber unter ansonsten gleichen Voraussetzungen einen erheblichen Unterschied bei der Investitionsentscheidung machen.

Was man bei volkswirtschaftlichen Aussagen auch berücksichtigen muss: Volkswirte reden über die Volkswirtschaft, was dies aber für die Aktien bedeutet, davon haben sie wenig Ahnung, da es ja auch nicht ihre Aufgabe ist, sich damit zu beschäftigen. Daher ist es sehr gefährlich, sich in einer Investitionsentscheidung in erster Linie auf volkswirtschaftliche Aussagen zu verlassen. Ansonsten läuft man Gefahr, regelmäßig unten aus den Märkten aus- und oben wieder einzusteigen. Rezessionen sind Zeitpunkte, zu denen man historisch besser investiert hat. Wenn man aus Aktien aussteigen will, sollte man dazu besser Boomphasen nutzen. Denn eine Rezession ist nicht das Ende der Welt, sondern schlicht und ergreifend der normale Gang der Dinge. Den Fehler, den man machen kann, ist es diese Normalität auszublenden. Zudem sollte man berücksichtigen, dass Aussagen zur Bewertung von Aktien aus makroökonomischer Sicht regelmäßig nur bis zur Ebene des Index durchdringen, mithin also Bewertungsunterschiede zwischen den einzelnen Marktsegmenten, geschweige denn einzelnen Unternehmen, in keiner Weise berücksichtigt werden, bzw. abgehandelt werden mit der Bemerkung, dass der Markt ja immer recht hat. Das ist natürlich nichts anderes als Arbeitsverweigerung. Denn wenn der Markt immer recht hat, warum ändert er dann täglich seine Meinung? Wenn man dann noch halbgare Aussagen mit sogenannter künstlicher Intelligenz verbindet, die sich regelmäßig erschöpft in Trendfolgemodellen, die auf die jüngsten Ergebnisrevisionen abstellen, dann wird so einiges erklärbar. Wo hingegen Investoren genauer hinschauen, weil Entscheidungen schwerer revidierbar sind, sind die privaten Transaktionen, bspw. im Bereich von Private Equity Investments. Und hier weichen die Bewertungen mittlerweile deutlich nach oben von dem ab, was an den Aktienmärkten aufgerufen wird. Aber dies alles nur am Rande. Letzte Bemerkung: In fast 35 Jahren in der Branche habe ich noch nie einen Volkswirt erlebt, der richtig optimistisch war. Das haben sie mit dem Bondmarkt gemeinsam. Skepsis klingt halt schlauer, verdient aber kein Geld.

Somit zurück zum Thema: Den Volkswirtschaften sind die geldpolitischen Steroide entzogen, fiskalpolitisch sieht es noch nicht so eng aus. Da Deutschland hier wieder einmal etwas seriöser unterwegs ist als die meisten anderen Staaten, belastet dies die Volkswirtschaft zusätzlich.

Rezessionen sind in der Regel gute Kaufgelegenheiten für Aktien

In Summe also keine ganz einfache Situation, aber auch weit von einem Desaster entfernt. Insofern erklärt sich auch die auf den ersten Blick hohe Stabilität der Aktienmärkte, die aber wiederum nur auf den ersten Blick so wirkt. Unter der Oberfläche haben sich einige heftige Verschiebungen ergeben. Vor allem einige hochkapitalisierte Titel verzeichneten auf der Basis einer zuvor höchstens angemessenen, teilweise niedrigen Bewertung und einem im Großen und Ganzen stabilen Geschäft eine solide Entwicklung. Gleiches gilt für eine ganze Reihe mittlerer und kleinerer Titel. Wer teilweise deutliche Kursverluste verzeichnen musste, waren nicht nur, wie man sich denken kann, zyklische Titel, sondern auch, und zwar in einem teilweise deutlich größeren Umfang, zuvor mit hohen Wachstumserwartungen gehandelte Gesellschaften. Die Opfer steigender Zinsen haben verloren, die Profiteure haben gewonnen, wenig überraschend. Und in Summe bewegte sich der Markt, wie seit Jahren, in einer stabilen Bandbreite seitwärts, bzw. einschließlich der Dividenden, leicht aufwärts.

Unterschiedlich ausgeprägte Resilienz gegen steigende Zinsen

Das ist insofern nicht selbstverständlich, als dass seit knapp zwei Jahren die Zinsen weltweit deutlich gestiegen sind. Die Kurse amerikanischer Staatsanleihen mit 10 Jahren Laufzeit haben seit ihrem Höchststand fast 50 %!!! (in Worten: fünfzig Prozent) eingebüßt. Investoren in deutschen Bundesanleihen haben seit mehr als 10 Jahren nominal nichts verdient, von realen Einbußen ganz zu schweigen. Die Zinsen sind der Anker, an dem sich alle Bewertungen orientieren. Vor wenigen Jahren war es noch eine Horrorverstellung, dass die Notenbanken die Zinsen auch nur in den Bereich 1 - 2 % erhöhen würden. Und jetzt: passiert gar nicht viel, über alles betrachtet, und in Summe auch nicht bei den Aktien. Was in unseren Augen ein glasklarer Beleg für die niedrige Bewertung von Aktien ist, was wiederum Beleg dafür ist, dass diese tektonische Verschiebung bei den Zinsen bei den Aktienkursen bereits teilweise erwartet worden war. Und die Aktionäre, im Gegensatz zu den Anleiheinvestoren, sich von den Notenbanken nichts haben vormachen lassen, insbesondere eben, dass durch Gelddrucken Wohlstand geschaffen werden könnte. Das unterscheidet sie von den Bondinvestoren, die ja angeblich viel schlauer sind als die eher einfach strukturierten Aktieninvestoren.

Die Resilienz gegen steigende Zinsen gilt aber nicht für alle Bereiche der Wirtschaft. Es gibt und wird auch in absehbarer Zukunft genug Schlagzeilen über Unternehmen und Strukturen geben, die durch den Zinsanstieg aus der Kurve getragen wurden, die also aufgrund der Abwertung ihrer zuvor inflationierten Vermögensgegenstände oder durch die Tatsache, dass ihre Cash Flows zur Bedienung der Schulden nicht ausreichen, in substantielle Schwierigkeiten geraten. An erster Stelle sind hier natürlich Immobilien zu nennen, aber auch Investments in solche Dinge wie Parks zur Produktion erneuerbarer Energien, deren Attraktivität sich zum Teil daraus speiste, dass das für die Investition benötigte Fremdkapital fast zinsfrei zu haben war. Und weiteres, der Phantasie sind hier keine Grenzen gesetzt. Allerdings sollte man sich davon nicht abschrecken lassen, attraktive Investitionen nicht einzugehen: Für jeden, der höhere Zinsen zahlen muss, gibt es jemanden, der höhere Zinsen erhält, insofern ist das vor allem ein Umverteilungsthema, und eben noch gefeierte Genies sehen nun ganz alt aus. Wie Herr Buffett einst sagte: “Only when the tide goes out do you discover who's been swimming naked”. Die meisten sind aber mit Badehose (und Badeanzug, soviel Genderkorrektheit muss sein) unterwegs: Für die allermeisten, die solide finanziert sind, gilt die Rechnung, dass die gestiegenen Zinsen durch höhere Inflationsraten kompensiert werden. Insofern dürfte es hier und da ruckeln, und das Ergebnis ist die oben beschriebene und seit mehr als einem Jahr laufende leichte Rezession. Und eine deutliche Verbesserung ist vorerst nicht in Sicht: Die Effekte der gestiegenen Zinsen werden nach und nach über einen längeren Zeitraum deutlich. Wenn man sich darauf einstellt, wird die Überraschung weniger unangenehm. Eines ist aber ebenfalls festzuhalten: Wenn ein normales Unternehmen auf eine Investition verzichtet, weil die Zinsen vielleicht von 1 % auf 4 oder 5 % gestiegen sind, dann war die Investition von Anfang an nicht grandios, und das Geschäftsmodell nicht gerade überzeugend.

Zweifelhafte Beweggründe für Anleihekäufer

Trotz der schlechten Performance der letzten Jahre dürfte der Ausblick für Anleihen auch in Zukunft bescheiden bleiben, von zwischenzeitlichen Auflockerungen abgesehen. Es werden weiterhin keine oder höchstens geringe reale Renditen erzielt. Ganz anders als bei Aktien, selbst wenn sich das nicht immer sofort in den Kursen zeigen wird: Unternehmen, deren Geschäftsmodell nur ansatzweise etwas taugt, werden ihre Kostensteigerungen zumindest teilweise an die Kunden weitergeben. Daraus entsteht letzten Endes die Inflation. Auch wenn es klar ist, dass in den westlichen Staaten demografiebedingt die Arbeit relativ teurer werden wird: Verlierer sind nicht in erster Linie die Unternehmen, sondern die Sparer in Nominalanlagen.

In der Praxis gibt es natürlich trotzdem Gründe, Anleihen statt Aktien zu kaufen. Dabei sind zwei Käufergruppen zu unterscheiden:

•Die einen wissen nicht, was sie tun, denn 3 % Zinsen bei 3 % Inflation sind nach Steuern eine garantierte Kapitalvernichtung, oder:

•Wenn bspw. Regularien eine Rendite von 3 % erfordern, dann kann man eben Bonds kaufen und hat seinen Job erledigt und kann früher nach Hause gehen. Ob die Kunden damit Vermögen verlieren, ist nicht so wichtig, denn formal ist ja alles in bester Ordnung.

Oder es gibt eine Zukunft, in der die Inflationsraten wieder auf Null fallen (wo sie sauber gerechnet nie waren), was angesichts der weltweit sichtbaren Finanzpolitik durchaus zumindest erstaunlich wäre. In einer Welt, in der die Medien Leute wie Bankman Fried, den ehemaligen Krypto-Milliardär und jetzigen Angeklagten, hochleben lassen (um nur mal einen Fall zu nennen, Markus Braun von wirecard soll hier auch nicht unterschlagen werden) sollte man sich über die Präzision der Analyse vieler Teilnehmer an den Finanzmärkten keine allzu großen Illusionen machen. Letzten Endes sollte man sich bedanken bei denjenigen, die die Wirtschaft mit ihren Ersparnissen so generös unterstützen, davon profitieren letzten Endes auch die Aktionäre.

Indizien für günstige Bewertungen am Aktienmarkt

Damit zurück zu den Aktien. Wie lässt sich belegen, dass die Bewertung zur Zeit niedrig ist? Zum einen die formalen Kennzahlen, wie die KGV´s oder die Dividendenrenditen. Beides, Gewinne und Dividenden, können sich schnell ändern. Eine nachhaltigere Kennzahl ist das Kurs-Buchverhältnis oder, absolut gesehen, der Enterprise Value. Hier sehen wir serienweise Rekordtiefstände, wie sie eben nur in Rezessionen erreicht werden. Was nachvollziehbar ist, wir sind ja in einer solchen. Und in Rezessionen zu kaufen war in der Vergangenheit wohl selten ein Fehler. Zudem ist zu beachten, dass die Streuung in den Bewertungen weiterhin sehr groß ist, und die Zahlen aggregiert auf Indexebene bei weitem nicht so spektakulär aussehen, wie bereits angedeutet. Wenn die üblichen Muster auch in Zukunft gelten und der Weltuntergang nicht ansteht, dann können sich hier substanzielle Chancen ergeben. Wer all diesen Zahlen nicht traut, kann vielleicht Beruhigung in zwei weiteren Aspekten finden. Zum einen kaufen deutsche Unternehmen, sofern sie gerade nicht ihre Cash Flows beschützen wollen, in einem vor wenigen Jahren nicht ansatzweise erwarteten Umfang Aktien zurück. Darunter auch viele Unternehmen, in denen Familien Großaktionäre sind, die also (hoffentlich) nicht in erster Linie an Kurspflege oder die Kompensation von verteilten Stock Options denken. Weiterhin ist es auffällig, dass bei den gemeldeten Transaktionen seit Monaten Insider fast ausschließlich auf der Käuferseite stehen. Es gibt unterschiedliche Gründe, warum man eine Aktie verkauft, aber eigentlich nur einen, warum man kauft. Und zwar mit dem eigenen Geld.

Warum dies eine gute Idee sein könnte, sei einmal an unterschiedlichen Beispielen klargemacht, an denen deutlich wird, dass wir schon weit fortgeschritten in der volkswirtschaftlichen Schwäche sind und die Fallhöhe mittlerweile vergleichsweise gering sein dürfte. So liegt die weltweite Autoproduktion mehr als 10 % unter dem Höchststand 2016/2017, was die deutschen Hersteller nicht davon abgehalten hat, Rekordergebnisse zu erzielen. Die Chemieproduktion, die gemeinhin recht stabil verläuft, liegt in Deutschland 20 % unter dem Durchschnitt der letzten 15 Jahre, was trotz der sehr hohen Energiepreise vermutlich eher das untere Ende der Erwartungen darstellen dürfte und in erster Linie dem Vorratsabbau und nicht den hohen Kosten geschuldet ist. Das zieht sich hin von den Logistikern bis zum Einzelhandel, wo die aktuelle Geschäftslage nach dem Coronaboom ziemlich mau ist. Dagegen sieht die Dienstleistungsindustrie recht erfreulich aus, so dass die hier teilweise erzielten Rekordergebnisse wahrscheinlich nicht nachhaltig sind. Allerdings scheint dies auch niemand zu glauben, wenn man auf die aktuellen Bewertungen schaut. Was umgekehrt für die gedrückten Ergebnisse der produzierenden Unternehmen nicht zu gelten scheint.

Rückkehr zu „Business as usual”

Die zuletzt deutlich stärker ausgefallenen Schwankungen der Konjunktur sind den beiden Großereignissen der letzten Jahre geschuldet, der Pandemie sowie dem Krieg in der Ukraine. Zunächst konnte das Geld nur für Güter und nicht mehr für Services ausgegeben werden, die Staaten verteilten Geld, das nicht erwirtschaftet worden war und nun auf ein reduziertes Angebot stieß, in Verbindung mit Knappheiten in der Logistikkette, was wiederum zu einer vorsichtsbedingten übermäßigen Vorratshaltung führte, begleitet von den Niedrigzinsen der Notenbanken, was alles in Summe zu deutlichen Preissteigerungen führte. Jetzt geht seit einem Jahr die Bewegung in die andere Richtung, einschließlich der Übertreibungen: Windfall-gewinne verschwinden, Löhne steigen und drücken auf die Margen, die Logistik funktioniert wieder normaler, insofern gibt es auch weniger Bedarf an erhöhten Vorräten, stattdessen werden diese abgebaut, letzten Endes auch getrieben durch die gestiegenen Zinsen, denn auf einmal kostet die Vorratsfinanzierung auch wieder Geld.

Diese Abweichungen von einem Gleichgewicht werden sich wieder einpendeln, da diese Schwankungen bei weitem nicht die weitgehend stabile Endnachfrage widerspiegeln. Gleichzeitig nutzen die Unternehmen die aktuelle Nachfrageschwäche, um ihre Kostensituation zu verbessern. Zudem ist zu berücksichtigen, dass fallende Preise bei Industrieprodukten auf die Margen drückt, sofern teurer eingekaufte Produkte nach und nach verarbeitet werden, während die Endprodukte bereits auf einem reduzierten Preisniveau angekommen sind. Allerdings kann man am wieder steigenden Ölpreis ablesen, dass es auf dieser Ebene schon wieder zu einer Gegenbewegung kommt und der Margendruck absehbar verschwinden oder sogar ins Gegenteil drehen wird. Gleiches gilt für den Abbau der Vorräte, der offensichtlich in den nächsten Monaten abgeschlossen sein wird. Also alles eigentlich Business as usual, wenn man einmal von der Größe und Schärfe sowie der Kürze der Amplitude absieht.

Unsere Art von Optimismus oder: Geben Sie beim Investieren nicht so viel auf das politische Umfeld

Wer jetzt noch auf ein Drama wartet, hat die letzten Jahre im Tiefschlaf verbracht. Pandemie, Krieg in Europa, Energiekrise und zuletzt eine Explosion der Zinsen: All dies hat die Weltwirtschaft unter Mühen, aber im Großen und Ganzen erfolgreich durchgestanden. Es ist wahrscheinlich, dass die zukünftigen Wachstumsraten niedriger ausfallen als früher. Nur: Wachstum wird in den aktuellen Kursen praktisch nicht eingepreist, für die meisten Branchen wird bestenfalls eine nominale Stagnation erwartet, für viele Industrien ein langfristiges Siechtum und schließlich das Verschwinden der meisten Unternehmen. Es ist auch so, dass die europäische Politik, und vorneweg die deutsche, ein überaus dürftiges Verständnis von wirtschaftlichen Zusammenhängen hat. Von der Beachtung der psychologischen Komponente, die laut Ludwig Erhard 50 % der Wirtschaft ausmacht, ganz zu schweigen, aber der war ja noch vom Fach. Allerdings dominieren letztendlich die ökonomischen Realitäten regelmäßig die ideologisch getriebenen Wünsche der Politik, das reicht von der Agenda 2010 bis zum Weiterbetrieb der nicht vollständig klimaneutralen Kohlekraftwerke, und sollte dies einmal nicht der Fall sein, besteht in vielen Fällen die Möglichkeit, dem Ganzen auszuweichen und bspw. seine Produktion nach und nach zu verlagern. So oder so reden wir hier aber von einem kleinen Teil der gesamten Volkswirtschaft, der strukturell gefährdet ist, und sollte einmal etwas tatsächlich nachhaltig ökonomisch zerstört sein: Das ist fast immer schon mehrfach in den Aktien eingepreist.

Insofern schätzen wir weiterhin die Chancen deutlich größer ein als die Risiken, sofern man den überbewerteten Teil des Aktienmarktes vermeidet. Viele Bewertungen sind auf langjährigen Rekordtiefständen, dement-sprechend sind die schwierigen Rahmenbedingungen hier wahrscheinlich im Übermaß abgebildet. Und an alle die, die mit der gegenwärtigen Politik in Deutschland nicht einverstanden sind (nach Umfragen zwei Drittel der Bevölkerung und vielleicht auch einige Leser): Man soll nie den Fehler machen, seine Investmententscheidung an seiner politischen Einstellung festzumachen, solange das Gesellschaftssystem das gleiche ist. 

Ihr Martin Wirth

FPM-Kommentar Reducing the Noise von Martin Wirth: 3/2023 vom 11.07.2023

 

Es bleibt dabei: Aktieninvestments sollten weiter an erster Stelle stehen

 

  • Trotz schwieriger Rahmenbedingungen: Aktien verzeichneten Kursgewinne
  • Rezession läuft schon seit Quartalen, häppchenweise
  • Die vorsichtige Stimmung reduziert die Risiken
  • Stabile Aktienmärkte sprechen angesichts des Umfelds für tiefe Bewertungen
  • Unterschiedliche Aspekte belegen die Attraktivität der Aktien

Das erste Halbjahr 2023 brachte auf Indexebene mehr oder weniger deutliche Kursgewinne, die breit gestreut über fast alle Branchen zu verzeichnen waren. Allerdings war die Streuung in der Performance erheblich. Am ehesten könnte man zum Ergebnis kommen, dass die großkapitalisierten Titel vorne lagen. Allerdings ist diese Aussage zwar einerseits richtig, andererseits wenig erhellend. Aus unserer Sicht kann man am ehesten einen Zusammenhang zwischen dem Überbieten und dem Verfehlen von Erwartungen sehen, wie üblich, allerdings in einem Ausmaß, das deutlich über die Abweichungen von den Erwartungen hinausgeht. Hilfreich und in positiver Hinsicht performanceverstärkend waren niedrige Bewertungen, von denen es nach wie vor auf dem Kurszettel nur so wimmelt.

Trotz schwieriger Rahmenbedingungen: Aktien verzeichneten Kursgewinne

Angesichts der Konjunkturschwäche, die über das erste Halbjahr hinausgehen wird, ist es auf den ersten Blick erstaunlich, dass die stabilen Aktien nicht besser abgeschnitten haben als der breite Markt. Dazu dürften zwei Faktoren im Wesentlichen beigetragen haben: Einerseits die hohen Bewertungen in dieser Gruppe von Aktien, andererseits die weiterhin – trotz der Konjunkturschwäche – auf gestiegenem Niveau stagnierenden Zinsen. Diese sind im Vergleich zu den vergangen zehn Jahren weiter hoch, und in diesem Zeitraum wurden bekanntermaßen die Bewertungen stabiler und qualitativ überdurchschnittlicher Unternehmen durch die Zinsen auf unbekannte Höhen getrieben. Historisch gesehen und vor allem angesichts der Inflationsraten befinden sich die langfristigen Zinsen aber auf einem ziemlich normalen Niveau.

Das gilt mit dem Blick auch nach vorne nicht für die aktuellen Inflationsraten. Diese sind weiterhin deutlich zu hoch um akzeptabel zu sein, und dies bedingt dann auch vergleichsweise hohe kurzfristige Zinsen sowie eine massive inverse Zinsstruktur, dem verlässlichen Vorboten einer Rezession.

Wie soll man mit der Lage umgehen? Alles in Deckung in Erwartung der Rezession, die kurzfristig hohen Zinsen nutzen, stabile Aktien kaufen? Das sehen wir alles weiterhin nicht so.

Die Ursache der Inflation liegt diesmal in der Verknappung der Angebote durch den Ukrainekrieg sowie durch die Pandemie, aber auch in staatlichen Transfers, die oft weit über das erforderliche Maß hinausgingen (hinterher weiß man es halt immer besser). Garniert wurde dies mit einer extrem expansiven Geldpolitik. Gleichzeitig haben Unternehmen wie Private Vorräte zur Sicherheit aufgebaut, die deutlich über den jeweiligen Bedarf hinausgingen. All dies wird zur Zeit wieder auf ein normales Maß zurückgeführt: Transfers werden beendet, das Geld ist immer noch nachfragewirksam, aber in einem abnehmenden Umfang, die Angebotsseite hat sich neu sortiert, so dass die Preise wieder deutlich reduziert wurden, und die Notenbank ist restriktiv geworden.

Rezession läuft schon seit Quartalen, häppchenweise

In unseren Augen ist es so, dass wir eine rollierende Rezession erleben: Einige Branchen sehen, dass ihre Kunden nicht nur die zuvor zu hohen Vorräte reduzieren, sondern sich gleichzeitig auf eine Abschwächung der Endnachfrage einstellen. An erster Stelle betrifft dies Grundstoffindustrien wie die Chemie, die sich seit fast einem Jahr in einer Rezession befindet. Alles, was auch während der Pandemie machbar war, wie z. B. die Renovierung von Wohnungen, normalisiert sich nun. Dagegen erleben Branchen, die während Corona nicht gefragt oder nicht lieferfähig waren, eine sehr solide Nachfrage, wie die nach vielen Dienstleistungen, aber auch (noch) die Autoindustrie. In diesen Branchen dürfte der Nachholeffekt in den nächsten Monaten auslaufen, während sich die Unternehmen, die diese Normalisierung sowie die Antizipation einer Rezession bereits hinter sich haben, wieder stabilisieren sollten.

Gleichzeitig sollten die Inflationsraten deutlich sinken, solange die Notenbanken restriktiv bleiben, was sie aus unserer Sicht sind. Die Auslöser der Inflation haben schon wieder deutlich fallende Preise verzeichnen dürfen. Die hohen Inflationsraten, die heute sichtbar sind, stammen aus den Nachholeffekten, z. B. bei Löhnen, oder eben aus Preiserhöhungen, die auf die Explosion der Grundstoffpreise zurückzuführen sind, aber diesen nicht zugerechnet werden. Beispielhaft sind hier die Gemüsepreise zu nennen, nachdem sich der Anbau von Gemüse in Gewächshäusern angesichts der extrem hohen Gaspreise oft nicht mehr gelohnt hat. Das dürfte sich nun wieder ändern, und das gilt für vieles, was der Kerninflationsrate zugerechnet wird, ebenfalls.

Alles in allem ein sehr solider nominaler Gegenwind, aber gestreckt über einen längeren Zeitraum, bei einer gleichzeitig weiter sehr niedrigen Arbeitslosigkeit. Diese ist zwar ein Nachläufer. Allerdings wurde aufgrund der Knappheit von Arbeit vieles nicht umgesetzt, was nun vielleicht nachholbar ist. Vielleicht sind sogar Handwerker wieder einmal erreichbar.

Die vorsichtige Stimmung reduziert die Risiken

Für den Aktienmarkt bedeutet dies aus unserer Sicht folgendes: Zum einen ist die Rezession seit Quartalen in aller Munde. Mithin wird sie nicht aus heiterem Himmel zuschlagen. Da Unternehmen, aber auch die meisten Investoren in diese Richtung gedacht haben, dürften die unangenehmsten Effekte wie Überproduktion, die mit großen Rabatten verkauft werden muss, Überkapazitäten, die langsam abgebaut werden müssen und über Restrukturierungsmaßnahmen viel Geld kosten, aber auch der Stress auf der Finanzierungsseite eher handhabbar sein als dies in der Vergangenheit üblich war. Einschränkend ist hinzuzufügen, dass die Lage in China sehr undurchsichtig erscheint und hier möglicherweise das größte Problem liegen könnte. Vielleicht aber auch nicht.

Insofern dürfte die Rezession weitgehend eingepreist sein, auch wenn man kurzfristige Volatilität nie ausschließen kann. Die Investoren sind vorsichtig positioniert. Der Bondmarkt ist weiterhin so bewertet, dass Geld verdienen, real gerechnet, praktisch ausgeschlossen ist, wie auch schon in den letzten zehn Jahren. Am Aktienmarkt hingegen bekommt man die Inflation in Form des nominalen Wachstums praktischerweise kompensiert, da letzteres dank der gestiegenen Inflation eben höher ausfällt als in Zeiten einer niedrigen Inflation. Dieser Zusammenhang wird übrigens praktisch nie berücksichtigt, wenn man die Gewinnrenditen von Aktien und die Zinsen von Anleihen miteinander vergleicht: Schlauer wäre es, die realen Zinsen von Anleihen als Maßstab zu nehmen. Was die Gewinnschätzungen der Aktien angeht, dürften diese den schlimmsten Fall sicher noch nicht berücksichtigt haben. Ganz sicher aber ist auch eine halbwegs normale Gewinnsituation vieler Unternehmen nicht eingepreist.

Kurstreibend sind generell gesprochen immer Aspekte, die noch nicht berücksichtigt wurden, da sie nicht bekannt waren. „Schwarze Schwäne“ sind das beste Beispiel dafür. Am Aktienmarkt gehen die negativen Überraschungspotentiale langsam zur Neige, sofern man keine blühende Phantasie hat.  Durch die Pandemie, den Krieg in Europa, die diplomatischen Spannungen mit China und vielen anderen Staaten und zu guter Letzt die Klimakrise sind auf der negativen Seite viele Dinge zu verzeichnen, die der Markt mittlerweile berücksichtigt haben sollte, insbesondere, da sie nicht mehr „new news“ sind. Demzufolge liegt die Bewertung vieler Unternehmen auf einem niedrigen Niveau, das außerhalb von Krisensituationen (die dann aber eben auch überraschend auftraten) selten erreicht wurde. Dies gilt nicht für alle Unternehmen, und Maßstab ist nicht immer der Gewinn, sondern gelegentlich auch die Substanz eines Unternehmens. In Summe sehen wir somit aber, auch und insbesondere angesichts der schleichenden Rezession, den deutschen Aktienmarkt als ziemlich aussichtsreich an, insbesondere im Vergleich zu anderen Anlageklassen.

Stabile Aktienmärkte sprechen angesichts des Umfelds für tiefe Bewertungen

Man sollte sich zudem vor Augen halten, dass auch abseits der großen politischen Bühne die Rahmenbedingungen in den letzten 18 Monaten alles andere als einfach waren. Dass die Konjunktur sich abschwächt und die Wirtschaft sich mehr oder weniger in einer Rezession befindet ist der eine Aspekt. Gleichzeitig fand an den Bondmärkten ein Debakel statt, das fast zu einer Bankenkrise in den USA geführt hätte und die Gewinne einschließlich der Zinsen aus den letzten zehn Jahren vernichtete. An den Immobilienmärkten und auch den vormals noch als sicherer Hafen angesehenen Private Equity-  und Venture Capital-Märkten häufen sich die Einschläge, Finanzierungen stehen immer öfter auf der Kippe. Dies hätte in normalen Zeiten den Marktbeobachter erwarten lassen, dass sich der Aktienmarkt zumindest nicht zwangsläufig in der Nähe des Rekordhochs befindet. Das tut er auch nicht, wenn man die Entwicklung allein auf die Kurse ohne Dividendenzahlungen bezieht, zumindest in Deutschland. Was man aber über den Markt sagen kann: Er ist, gemessen an historischen Erfahrungen, sehr stabil, die Volatilität liegt auf einem sehr niedrigen Niveau. Was für die Belastbarkeit des Kursniveaus spricht, die wiederum auf einer niedrigen Bewertung beruht.

Unterschiedliche Aspekte belegen die Attraktivität der Aktien

Ebenfalls ein Hinweis auf die Attraktivität der Kurse ist die Tatsache, dass die Aktienrückkäufe durch Unternehmen sprunghaft zugenommen haben. Vor nicht allzu langer Zeit wurden Aktienrückkäufe in Deutschland (fälschlicherweise) als Ausweis des unternehmerischen Versagens gewertet. Heute führen unter den DAX-Unternehmen Rückkäufe durch: Allianz, BMW, Commerzbank, Daimler Truck (demnächst), Deutsche Bank, Deutsche Börse, Deutsche Telekom (über die US Tochter), Heidelberg Materials, Mercedes, Münchener Rück. In den Indizes unterhalb des DAX sieht es ähnlich aus. Das sollte nicht nur die Attraktivität der Bewertung untermauern, sondern ist zudem einer der besten Ansätze, Nutzen für die Aktionäre zu schaffen. Das soll hier aus Platzgründen nicht näher ausgeführt werden, es ist aber vielfach belegt und eine mathematische Trivialität, solange die Bewertung eines Unternehmens nicht deutlich zu teuer ist.

Was am Aktienmarkt möglich ist, soll abschließend anhand der Bewertung von Immobilien gezeigt werden. Während in der „realen“ Welt Immobilien mit einem Abschlag gegenüber den Spitzenpreisen von vielleicht 10-15% gehandelt werden, sind Immobilienaktien 60-80%, teilweise noch mehr abgestürzt. Lässt man die Fälle außen vor, in denen sich ein Unternehmen verzockt hat, bedeutet dies unter Berücksichtigung der Verschuldung der Unternehmen, dass die Bewertungen um 30-35% gesunken sind. Das liegt nicht daran, dass die Aktien zuvor absurd überbewertet waren, ganz im Gegenteil: Heute wie vor ein bis zwei Jahren liegen die Bewertungen börsennotierter Immobiliengesellschaften weit unter den Wiederherstellungskosten der Immobilien, unter Berücksichtigung der Abnutzung. Rechnet man die Bewertung der Immobilien auf den Quadratmeter um, liegen die Abschläge der „börsennotierten“ Immobilien gegenüber den Preisen, die für die Immobilien selbst gezahlt werden, bei 25% und mehr. Woran liegt dieser Unterschied? Maßstab für die Bewertung nicht „börsennotierter“ Immobilien, also in erster Linie die von Privaten, Genossenschaften und der öffentlichen Hand gehaltenen Immobilien, sind die Zinsen. Maßstab für die mehr oder weniger identischen Immobilien, die börsennotierten AG´s gehören, sind die Bewertungen anderer börsennotierten Gesellschaften. Und die sind eben deutlich niedriger bewertet als Anleihen, oder anders formuliert: Die Renditen ihrer Aktien liegen erheblich höher als diejenigen von Anleihen. Auch hier wird wieder einmal die Diskrepanz in den Bewertungen von Aktien und Anleihen deutlich.

In Summe bleibt es dabei: Wer regulatorisch oder aufgrund kurzfristiger Zahlungsverpflichtungen nicht in seiner Anlage gebunden ist, für den sollten Aktieninvestments weiter an erster Stelle stehen.

Ihr Martin Wirth

FPM-Kommentar Reducing the Noise von Martin Wirth: 2/2023 vom 19.04.2023

 

Wohin geht die Reise, wenn Knappheiten und Krisen überwunden sind?

 

  • Mit Aktien der Inflation getrotzt
  • Unsere Gedanken zu Inflation, Zinsen und Bewertungen
  • Blick nach Amerika
  • Im Fokus der Negativszenarien: Die Banken
  • Europäische Banken besser als ihr Ruf!
  • Was bietet der Markt mithin an?

Im ersten Quartal 2023 konnten die Vorjahresverluste am deutschen Aktienmarkt teilweise kompensiert werden. Dabei taten sich die großkapitalisierten Aktien leichter als die kleinen und mittleren Werte, die höhere Verluste aufzuholen hatten. Generell jedoch war die Entwicklung angesichts der Nachrichtenlage auf den ersten Blick nicht zwingend.

Der Krieg in der Ukraine geht weiter, geopolitische Unsicherheiten haben nicht abgenommen, die Inflation scheint aus dem Ruder zu laufen, und gleichzeitig zeigen sich immer mehr konjunkturelle Schwächesignale, vorneweg in den USA. Dementsprechend sind viele Sentiment-Indikatoren auf niedrigen Niveaus, die Entwicklung ging also ohne große Begeisterung der Marktteilnehmer vonstatten.

 

Mit Aktien der Inflation getrotzt

Auf der anderen Seite, und das war aus unserer Sicht als Value-Investoren die entscheidende Größe: Aktien sind generell so niedrig bewertet wie seit langer Zeit nicht – nicht alle, aber sehr viele. Und während die Unternehmen in der großen Breite in der Lage waren, die Kostensteigerungen an die Kunden weiter zu reichen und somit den realen Schaden aus der gestiegenen Inflation im Rahmen zu halten, war dies mit Nominalanlagen wie auch mit Investments in Immobilien nicht möglich. Angesichts der Rahmenbedingungen ist es kein Wunder, dass der Enthusiasmus nicht überschäumt, ganz im Gegenteil. Allerdings kann man sich auch fragen, wann man denn überhaupt investieren will: Man kann serienweise Unternehmen mit einem mehr oder weniger deutlichen Abschlag auf den Substanzwert kaufen, selbst wenn man nicht an die Nachhaltigkeit der aktuellen Gewinne glauben mag.

Bei letzterem stimmen wir durchaus zu. Die Knappheiten, die durch die Corona- und später durch die Energiekrise entstanden sind, sind erfreulicherweise endlich. Insofern werden Überrenditen wieder verschwinden, angefangen von den Frachtraten, den Energiepreisen bis hin zu den Autopreisen und ähnlichem. Nur: Wer hat denn geglaubt, dass dies ewig weitergehen kann? Selbst wenn die Gewinnschätzungen noch von einer Fortschreibung ausgegangen sind, konnte man an den Bewertungen der Unternehmen ja ablesen, dass diesem Braten niemand so richtig getraut hat.

Die spannende Frage ist nun, ob sich der Fokus wieder auf die Unternehmen mit einer stabilen, eher konjunkturunabhängigen Geschäftsent-wicklung richtet, die aber weiter immer noch eher voll bezahlt sind, oder ob man Abstriche an der Geschäftsqualität in Kauf nimmt und auf die große Schnäppchenjagd geht. Da der Markt offen-sichtlich lieber auf den Trend der Gewinne schaut als auf das, was man dafür bezahlen muss, könnte man zur ersten These neigen. Allerdings ist dieser Marktbereich mittlerweile deutlich kleiner als in den vergangenen Jahren, nachdem insbesondere einige ehemalige Highflyer massiv abgestraft wurden. Insofern stellt sich der Unterschied heute etwas anders dar als dies noch in den letzten Jahren der Fall war. Favoriten könnten eher die als langweilig angesehenen, vernünftig bewerteten Unternehmen sein, die keine große Phantasie erwecken, die aber auch nicht substantiell unterbewertet und im besten Fall frei von Skandalen sind. Und auf der anderen Seite ebenfalls solide Unternehmen, bei denen aber die Ertragskraft innerhalb weniger Quartale deutlich schwanken kann und für die Investoren unter diesen Umständen Kursverluste befürchten. Kurz gesagt: Am Aktienmarkt sind 1+1+1 mehr wert als 2+0+2. Das bedeutet: Investoren verzichten lieber auf Erträge, wenn sie dafür ihre Ruhe haben.

Unsere Investments decken beide diese Lager ab, mit einem Bias zu den niedrigen Bewertungen. Hingegen sind wir weiter in der Topqualität (zumindest als solche wahrgenommenen Unternehmen) aus Bewertungsgründen nicht investiert.

Unsere Gedanken zu Inflation, Zinsen und Bewertungen

Was treibt uns dazu? Neben dem Blick auf die nachhaltige Ergebnisstärke eines Unternehmens, die eben gerade nicht durch die kurzfristig mehr oder weniger schwankenden Quartalsergebnisse abgebildet wird, kann man nicht den Einfluss der sich permanent ändernden Rahmenbedingungen vernachlässigen. Diese Schwankungen haben seit der Coronakrise vorher lange nicht gekannte Dimensionen erreicht. Daher haben sie auch einen Einfluss auf unsere Investitionsentscheidungen, und daher nun unsere Sicht der Dinge (die man teilen kann oder auch nicht).

Zum einen die Inflation: Es ist in unseren Augen offensichtlich, dass der Gipfel deutlich überschritten ist, die Inflation sich auf dem Rückzug befindet, und dass diese Entwicklungen über die gesamte Wertschöpfungskette ablaufen wird. Die Nachzügler sind die Tarifverhandlungen, die letzten Endes die Unternehmen Geld kosten werden, was offensichtlich in den impliziten Erwartungen der Märkte bereits berücksichtigt wird. Nach dem Überrollen der Inflationsraten werden sie im Laufe dieses Jahres und des nächsten vermutlich deutlich sinken. Allerdings kann niemand ernsthaft behaupten, dass sich ein vergleichsweise enger Korridor wie gefühlt in den letzten Jahren ergeben wird. Und es ist mehr als wahrscheinlich, dass die Inflationsraten länger in einem Bereich liegen werden, der für die Notenbanken zu hoch ist, zumindest, wenn man ihren Aussagen folgen will.

Das hat Auswirkungen auf die Bewertung von Unternehmen, die von der Zinshöhe abhängig sind, vorneweg Immobilienunternehmen im negativen, Banken und Versicherungen im positiven Sinne. Sowie für Unternehmen, bei denen bspw. Pensionsrückstellungen in den letzten Jahren aufgebläht wurden. Hier sollte man nicht davon ausgehen, dass die alten Zinsniveaus wieder erreicht werden, insbesondere nicht nach den unerfreulichen Erfahrungen hinsichtlich der Verteilungswirkung der Inflation, die man zwar in jedem Lehrbuch Grundstudium Volkswirtschafts-lehre nachlesen kann, die aber an den entscheidenden Stellen offensichtlich als Lektüre doch nicht so richtig geschätzt wurden.

Dies wird also für die nächsten Quartale zu einer zunehmend restriktiven Geldpolitik führen, nachdem der angerichtete Schaden kompensiert werden muss. Allerdings, da befinden wir uns vermutlich im Mehrheitslager, wird die Geldpolitik sobald wie möglich wieder eher lockerer werden, wenn auch nicht in dem Maße wie die letzten Jahre und nicht vor dem nächsten Jahr.

Bis dahin wird neben der sowieso laufenden Konjunkturabschwächung das Abklingen des Nach-Corona-Booms sowie das Zurückgehen der Knappheitspreise Gegenwind für die Unternehmen bedeuten. In Europa ist wenigstens durch das Ausbleiben des Armageddon der Energiekrise ein leichter zusätzlicher Rückenwind entstanden, der vielleicht hilft, die Rezession zu vermeiden. Die Verwerfungen wurden bereits teilweise im letzten Jahr getragen, ablesbar an der Vollbremsung in der chemischen Industrie, so dass die Fallhöhe deutlich reduziert wurde. Und das, womit damals kalkuliert wurde, hat sich aus heutiger Sicht als viel zu pessimistisch herausgestellt. Die gestiegenen Gaspreise etwa kosten Deutschland im Vergleich zu den Tiefstständen vor ein paar Jahren weniger als 0,5 % des Volkseinkommens, was so wenig ist, dass sich die Politik noch nicht einmal ernsthaft mit den deutschen Erdgas-reserven beschäftigt, die bis zu einer endgültigen Energiewende den Großteil des deutschen Gasbedarfs decken würden.

Blick nach Amerika

Stattdessen sieht es in den USA diesmal weniger erfreulich aus. Auch das ist eher eine Ernüchte-rung, die auf eine exzessive Geldpolitik sowie das Ausgeben von Helikoptergeld an die Bürger eben folgt. Auch in den USA werden die Weisheiten der Volkswirtschaftslehre nur dann gerne befolgt, wenn sie politisch vermittelbar sind, sprich: den Bürger erfreuen. Und irgendwann kommt dies an ein Ende. Aber auch hier ist es relativ simpel: Sind die Exzesse abgebaut, geht es weiter. Und die Exzesse waren diesmal im Vergleich zu den Zeiten der Finanzkrise sehr überschaubar: Nur ein paar Prozent des Volkseinkommens verschenkt, statt mehrere Jahre umverteilt wie vor der Häuser- und Bankenkrise. Insofern dürfte auch hier die Welt in einem Jahr wieder „normaler“ aussehen: Personal ist leichter zu finden, die Wirtschaft wird sich an die nominal höheren Zinsen gewöhnen, die real gar nicht hoch sind, und die Unternehmen werden sich auf die geänderten Rahmenbedingungen in ihren Märkten angepasst haben. Wer immer noch nicht glauben mag, dass das in einem überschaubaren Zeitraum möglich ist, der hat aus den Extremstbedingungen der letzten Jahre gar keine Schlüsse gezogen.

Im Fokus der Negativszenarien: Die Banken

Wenn das alles plausibel erscheint, was es eben nach den Erfahrungen der letzten Jahrzehnte tun sollte, bleibt immer noch ein Joker für die Bären (neben Krieg, Geokrise, Klimawandel, Kometeneinschlag):

Kandidaten für ein neues Armageddon sind wieder einmal die Banken. Dazu ist ohne die letzte Garantie zu geben folgendes zu sagen: Der Vergleich mit der Finanzkrise 2008 ist vollkommen absurd, und dies vor allem für europäische Banken. (Manche) Banken leiden unter der fehlenden Bereitschaft, sich auf die geänderten Rahmenbedingungen einzustellen und waren letzten Endes schlecht geführt. Je eher dies eine Bank an den Rand des Ruins geführt hat, desto besser im Nachhinein. Die UBS ab 2008 oder die Deutsche Bank ab 2017 sind nur Beispiele dafür, dass Geschäftsmodelle umgebaut wurden, wenn es nicht mehr weiterging und die Verwahrlosung der Geschäftspraktiken nicht mehr toleriert wurde. Den Letzten beißen die Hunde, und in diesem Fall war es die Credit Suisse, die es immerhin geschafft hat, als eine solvente Bank mit schwachen Erträgen, aber ohne riesige operative Verluste in kürzester Zeit in den Ruin zu rutschen. Ursache: Vollkommener Vertrauensverlust. Wenn VW keinen Stahl mehr geliefert bekommt oder Aldi keine Lebensmittel, dann gehen auch diese Unternehmen unter. Nur, dass sich dort das Vertrauen nicht in kürzester Zeit in Luft auflöst. Eine grandiose Lehre für alle anderen Marktteilnehmer. Und Pech für die Credit Suisse, die zuvor noch eher der Einäugige unter den Blinden war. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben (Gorbatschow).

Über die US-Bankenkrise nur folgendes: Was dort von manchen Banken, die aus unklaren Gründen nicht mehr einer ordentlichen Regulierung unterliegen, als Geschäft gehandhabt wurde, ist gemäß Grundlagen der Bankbetriebslehre Teil 1 so nicht vorgesehen: Kurze Einlagen in lange Staatsanleihen zu investieren und hoffen, dass die unterschiedlichen Renditen den großen Erfolg bringen. Bis zur nächsten Inversion der Zinsstrukturkurve. Einmal eine gute Nachricht: In Europa ist das auf dieser Ebene nicht mehr vorstellbar.

Was vorstellbar bzw. sogar ein Fakt ist: Dass Investoren in Staatsanleihen im letzten Jahr viel Geld verloren haben. Der Betrag, der auf den Bankbilanzen in der Spitze als Last lag, betrug mehr als 600 Mrd. €. Viel Geld, aber eben nur ein Bruchteil des Eigenkapitals. Mittlerweile als Last wieder deutlich gesunken, vor allem in den USA bzw. dem US-Dollar. Das hat die Einleger nicht davon abgehalten, ihr Geld, im wesentlichen ungesicherte Einlagen, von der Silicon Valley Bank abzuziehen, da Nutzen und Ertrag des Haltens von Einlagen bei einer insolvenzgefährdeten Bank vollkommen asymetrisch verteilt sind: Es gibt keinen Zusatznutzen im Vergleich zu einem Konto, das bei einer stabilen Bank geführt wird. Im Fall anderer Banken waren diese Lasten aus dem Zinsanstieg deutlich geringer, oder wurden fristengerecht refinanziert. Insofern ist das zum einen ein Einzelproblem. Zum anderen aber, was viel relevanter ist: Dies hat überhaupt und in keiner Form irgendetwas zu tun mit einer Finanzkrise wie 2008. Es ist vielmehr eine weitere Folge der verfehlten Notenbankpolitik der letzten Jahre, allerdings eine Folge, die nicht in der Insolvenz mündet, sondern im Wesentlichen einige Banken einen Teil der Erträge kosten könnte – beziehungsweise schon gekostet hat.

Europäische Banken besser als ihr Ruf!

Aus unserer Sicht ist die Lage eigentlich das genaue Gegenteil von dem, was in den Medien serviert wird: Dank des seit Jahren andauernden Drucks durch die Regulierung, Zusatzabgaben und Niedrigzinsen werden Banken als notorisch ertragsschwach wahrgenommen. In vielerlei Hinsicht sind wir hier an einem Wendepunkt angekommen und haben diesen wahrscheinlich bereits überschritten. Grob skizziert: Die Regulierung wird offensichtlich nicht mehr wesentlich verschärft, die Bankabgaben (in Deutschland unsinnigerweise noch nicht einmal abzugsfähig bei der Steuer) werden sinken, und vor allem wird durch die Normalisierung der Zinsen das ganz normale Bankgeschäft wieder profitabel, auf der Einlagen- wie auf der Aktivseite. Anders als 2008 ist es offensichtlich, dass die Banken eine Ahnung haben, was sie auf der Bilanz haben, und dies auch dokumentieren. Im Gegensatz zu ihren angeblichen Beobachtern, die wild über Risiken herumfabulieren, ohne auch nur einmal simple Fakten zur Kenntnis zu nehmen. Ereignisse wie der Untergang der Credit Suisse belasten fraglos das Sentiment und die Bereitschaft, in den Sektor zu investieren. Sicher dürfte aber auch sein, dass andere Banken von diesem Auflösen profitieren werden. Der Untergang der Credit Suisse war letzten Endes Resultat einer Dekade, in der die Bank nichts verdient hat, im Gegensatz zu ihren Mitarbeitern. Wenn dies als Blaupause dazu dient, wie man es nicht machen soll, dann hat dies auch etwas Gutes. Konsolidierung hat noch keiner Industrie geschadet, und das wird hier nicht anders sein.

Was bietet der Markt mithin an?

Kurzfristige Unsicherheit, hohe, aber sinkende Inflationsraten, eine sich abschwächende Konjunktur mit dem Potential einer Rezession, zumindest in Teilen der Wirtschaft, sind der Rahmen für die nächsten Monate. Gleichzeitig sind Sentiment und Bewertungen dort, wo man sie in einer Rezession vermuten könnte, im Gegensatz zu den noch aktuellen Gewinnerwartungen.

Aktien auch grundsolider Unternehmen werden heute in vielen Fällen mit deutlichen Abschlägen auf ihre Substanz gehandelt, insofern eben die Rezession eingepreist und die dann zu erwartende Ertragskraft als dauerhaft angesehen. Gleichzeitig liegen die Dividendenrenditen auf Rekordständen. Was für viele Investoren immer noch kein Grund sein muss; bekanntermaßen kann man Dividenden ja auch kürzen oder streichen. Relevanter ist dagegen, dass etwa Kennzahlen wie die Dividendenrenditen in Relation zum KGV auf Niveaus liegen, die nur in der Weltfinanzkrise sowie der Coronakrise überboten wurden.

Immer mehr Unternehmen beginnen aufgrund der nachhaltig niedrigen Bewertung mit Aktienrückkäufen, die in den letzten Jahren oft als Bankrott unternehmerischer Ideengenerierung angesehen wurden. Insofern gibt es offensichtlich einen Punkt, an dem man dann doch nicht widerstehen kann. Rechnerisch ist dies alles nämlich recht einfach nachzuvollziehen.

Ohne in Details zu gehen: Viele Unternehmen weisen nach unterschiedlichsten Kriterien Bewertungen auf, die vollkommen andere und zwar schlechtere Rahmenbedingungen einpreisen als sie aus heutiger Sicht wahrscheinlich sind, selbst wenn man die aktuellen Gewinn-schätzungen nicht als eine nachhaltige Basis ansehen will. Die Ursache dafür ist aus unserer Sicht, dass in den letzten Jahren bereits viele Investoren schlicht vor der Volatilität der Aktienmärkte kapituliert und sich lieber auf nominal stabile Investments zurückgezogen haben. Zusätzliche Regulierung, aber auch das Handeln nach mehr oder weniger trivialen Algorithmen statt eines möglichst umfassenden Verständnisses der Komplexität der Wirtschaft dürften die Volatilität noch verstärkt haben.

Dass Private Equity Investoren für die gleichen Investments doppelt so hohe Bewertungen bezahlen wie sie am Aktienmarkt eingefordert werden ist letzten Endes nur dann sinnvoll, wenn sie das Kapital wesentlich billiger beschaffen können als dies am Aktienmarkt der Fall ist. Solange die Zinsen niedrig waren, konnten diese Investments bei den Endinvestoren im Bereich der volatilitätsfreien Investments einsortiert werden, was dann auch der Risikobewertung dienlich war. Reine Buchhaltung, die nichts mit der ökonomischen Realität zu tun hat. Ähnlich lief dies mit Anleihen und vor allem mit Immobilien. Auch hier sieht man die Unterschiede zwischen den fungiblen (Aktienmarkt) und nicht fungiblen Märkten: Während Transaktionen mit realen Immobilien zu deutlichen, aber nachvollziehbaren Abschlägen (10 - 15 % werden regelmäßig genannt) auf die ehemaligen Höchstpreise von statten gehen, wurden die Immobilienaktien regelrecht geschlachtet. Kursverluste von mehr als 70 %, die einen Abschlag auf die schuldenfrei berechneten Immobilien von 40 % darstellen würden, bei gleichzeitig steigenden Bau- und Wiederbeschaffungskosten: das ist weitgehend sinnbefreit. Und von den vielen praktisch umsatzlosen, aber im Milliardenbereich bewerteten „Einhörner“ einmal gar nicht zu reden: Die tollen Renditen haben dann doch oft nur auf dem Papier gestanden, aber vermutlich ordentlich testiert. Auch hier haben sich die Dinge offensichtlich geändert.

Die Zinswende dürfte eingeschlagen haben wie der Fuchs im Hühnerstall. Offensichtlich ist es nicht nur die allgemein bescheidene Stimmungslage, die Investoren zu schaffen macht. Die Zinswende ist dem Vernehmen nach auch ein Thema, das die Solvenz vieler Investoren beschädigt hat. Insofern ist es klar, dass die Risikobereitschaft erst einmal reduziert ist. Und dies sehen wir, anders als die Rezessions-befürchtungen, als den Hauptgrund für die bescheidenen Bewertungen und aus unserer Sicht offensichtlichen großen Investmentchancen.

Was in diesem Licht positiv erscheint ist die Tatsache, dass viele Unternehmen, die zwar nicht zu den Lieblingen der Investorengemeinde in den letzten Jahren gehörten, sich in diesem schwierigen Umfeld stabil bis ordentlich entwickelt haben. Aktienrückkäufe wurden ja bereits genannt, aber offensichtlich gibt es eben auch Bewertungslevel, bei denen man sich, Zins hin, Rezession her, nicht mehr von Investments trennen will. Und lieber wartet, bis sich der Rauch verzogen hat. Falls es Rücksetzer gibt, kommen, solange die Bewertungen zuvor nicht überzogen waren, zügig Käufer aus der Deckung. Insofern spricht aus unserer Sicht viel dafür, dass wir uns bei vielen Aktien irgendwo im Bereich des Tiefstands befinden. Und dass diese Aktien ihre Performance dann machen werden, wenn sich die Dinge so entwickeln, wie sie das immer tun: Langsam vorwärts.

Ihr Martin Wirth

Martin Wirth

Gründer und Vorstand

Erfahrung in deutschen Aktien: seit 1990

Aufgaben: Fondsmanagement, Aktienanalyse und Unternehmensführung

Fonds: Publikumsfonds FPM Funds Stockpicker Germany All Cap
Spezialmandat für ein Single-Family-Office

Auszeichnungen: zahlreiche für die von ihm verwalteten Fonds, mehrfach auch für seine persönlichen Leistungen – so zum Beispiel von der Sauren Fonds-Research AG und Citywire

Stationen:

  • Portfoliomanager der Credit Suisse (Deutschland) AG
  • Aktienanalyst bei der Bank Julius Bär (Deutschland) AG
  • Aktienanalyst der Credit Suisse First Boston

Studium der Betriebswirtschaftslehre an der Universität zu Köln, Abschluss als Diplom-Kaufmann 

Raik Hoffmann, CFA

Vorstand

Erfahrung in deutschen Aktien: seit 1997

Aufgaben: Fondsmanagement, Aktienanalyse und Unternehmensführung

Fonds: Publikumsfonds FPM Funds Stockpicker Germany Small/Mid-Cap, FPM Funds Ladon

Auszeichnungen: mehrere für die von ihm verwalteten Fonds und auch für seine persönlichen Leistungen – so zum Beispiel von Citywire

Stationen:

  • 15 Jahre DWS Investment GmbH – im Management des DWS German Small/Mid Cap, als Mitglied im europäischen Small/Mid Cap-Team der DWS und des DWS Makro-Ökonomie-Teams und verantwortlich für Risiko-Szenarien

Studium der Betriebswirtschaftslehre an der Universität Leipzig, Abschluss als Diplom-Kaufmann